Triple Frontier | Wer braucht noch Kino, wenn es Netflix gibt

Triple Frontier ist ein US-amerikanischer Thriller von J.C. Chandor, der am 13. März 2019 weltweit auf Netflix erschien. Schon die Besetzung liest sich eindrucksvoll: Ben Affleck, Oscar Isaac, Charlie Hunnam, Garrett Hedlund und Pedro Pascal spielen die Hauptrollen. Aber kann der Film auch abseits seines Casts überzeugen?

+++++ SPOILERWARNUNG +++++

Der Titel des Filmes bezieht sich übrigens auf das Länderdreieck Tres Fronteras, ein Grenzgebiet zwischen Brasilien, Peru und Kolumbien. Aber genug Erdkundeunterricht, lasst uns über den Film reden.

Der Film blickt auf eine lange Entstehungsgeschichte zurück. Bereits 2010 sollte die Produktion beginnen, damals wurden unter anderem Tom Hanks und Johnny Depp als Hauptrollen gehandelt. Regie sollte Kathryn Bigelow, die beispielsweise den fantastischen Zero Dark Thirty erschaffen hat, führen. Doch die Produktion blieb aus und die gehandelten Mitwirkenden traten allesamt von Triple Frontier zurück. Im September des Jahres 2015 übernahm dann J.C. Chandor die Regie und blieb dem Film auch bis zum Schluss erhalten. Nun wurden unter anderem Tom Hardy und Channing Tatum als mögliche Besetzung gehandelt, doch auch diese beiden Schauspieler traten letztendlich vom Projekt zurück. Nach einem Wechsel der Produktion von Paramount Pictures zu Netflix, fingen die Dreharbeiten schließlich im Mai 2017 an.

Da stehen sie also, fünf ehemalige Soldaten und Mitglieder einer Spezialeinheit, im südamerikanischen Dschungel und wollen den Drogenboss Lorea um seine Millionen erleichtern. Erst einmal liest sich diese Kurzzusammenfassung wie der perfekte Vorbote für ein Actionspektakel der feinsten Art. Und das kann der Film auch bieten. Aber Chandor entscheidet sich bewusst dagegen, schnell geschnittene Kampfszenen an laute Schießereien aneinanderzureihen. Er möchte die Geschichte dieser Männer erzählen, ihren Weg und was sie zu diesem Raub motiviert.

Denn das ist ganz klar: Die Soldaten handeln hier illegal, sie sind nicht mehr Vertreter von Recht, sie agieren nicht als Beschützer, sie sind Verbrecher. Natürlich stehlen sie “nur“ von einem Drogenboss, was das Ganze nicht unbedingt moralisch verwerflich macht, aber auf juristischer Ebene sind sie ebenso wie Lorea Kriminelle. Doch warum genau gehen sie dann diesen Schritt? Wieso wechseln sie die Seiten und werden von den Guten zu den Bösen? Werden sie das überhaupt? Was hat sie so weit gebracht?

Alle Männer, die an dieser Mission teilnehmen, sind gebrochene Gestalten.
Tom „Redfly“ Davis (Ben Affleck) ist ein Familienvater, der mitten in der Scheidung steckt und versucht, sich nebenbei mit einer Tätigkeit als Makler durchzukämpfen und gleichzeitig auch Geld für die Kinder zur Seite zu legen.
Santiago „Pope“ Garcia (Oscar Isaac) hingegen ist dem Drogenboss Lorea seit Jahren auf der Spur, schafft es jedoch nie, ihn zu schnappen. Er will Rache für seine Zeit und seine Mühe. Es geht ihm nicht unbedingt darum, reich zu werden, sondern vielmehr darum, dem Drogenboss das Geld wegzunehmen, um es mit anständigen Leuten, seinen ehemaligen Kollegen, teilen zu können.
Francisco „Catfish“ Morales (Pedro Pascal) ist der Pilot der Truppe – beziehungsweise er war der Pilot der Truppe. Wegen Alkoholismus wurde ihm seine Fluglizenz entzogen.
William „Ironhead“ Miller (Charlie Hunnam) scheint derjenige unter den Freunden zu sein, der sein Leben noch am ehesten unter Kontrolle hat. Zwar wirkt er nicht mehr aktiv bei Einsätzen mit, ist aber noch in beratender Tätigkeit aktiv. Er kümmert sich um Soldaten, die mit ihren Aufgaben zu kämpfen haben, hört ihnen zu.
Ben Miller (Garrett Hedlund) ist Williams Bruder und nicht ganz so vernünftig. Seitdem seine Einsatzzeit abgelaufen ist, hält er sich mit illegalen Kämpfen im Untergrund über Wasser. Ein paar Millionen auf dem Konto machen die Lage da deutlich einfacher – und vermeiden, dass man von Muskelprotzen verprügelt wird.

Was bereits in dieser Anfangsphase des Filmes mitschwingt, ist eine starke Gesellschaftskritik Chandors. Er kreiert Figuren, die am Rande der Gesellschaft stehen, die verloren sind – und das, obwohl sie in zahlreichen Einsätzen ihr Leben zum Wohl des Landes riskiert haben. Sie wurden vergessen, sobald ihr Nutzen nicht mehr erkennbar war. Chandor greift in seinem Film das in den USA häufig und hitzig diskutierte Thema rund um den Umgang mit Veteranen auf und kritisiert, dass es an Respekt und Dankbarkeit gegenüber diesen Helden mangelt.

Nach dieser sehr schönen Einleitung geht es also los: Die fünf Protagonisten dringen in das Anwesen des Drogenbosses ein… und ab jetzt geht alles schief. Das ahnen die Soldaten jedoch noch nicht, zunächst sieht alles sogar besser als erträumt aus, denn nicht nur die geplanten 75 Millionen US-Dollar befinden sich in der Villa, nein: 250 Millionen US-Dollar sind hinter den Wänden im ganzen Haus versteckt. Das Haus ist ein Tresor, der nun geknackt wurde. Die Männer werden gierig, sie wollen so viel Geld wie möglich mitnehmen und missachten ihren Zeitplan, sodass sie schließlich von den zurückkehrenden Wachen abgefangen werden. Es kommt zu einer gewaltigen Auseinandersetzung. Und hier erblickt der Zuschauer erneut eine Stärke von Chandor. Denn dieser gibt sich nicht dem lauten Spektakel hin, er macht die nächsten Minuten unfassbar spannend, indem er sie filmt, wie die Figuren als ehemalige Elitesoldaten agieren: ruhig, bedacht, ohne große Hektik.

An ihrem Fluchthubschrauber angekommen, wird bemerkt, dass das Maximalgewicht durch das zusätzliche Geld überschritten wird – trotzdem starten sie. Doch schon bald müssen sie notlanden und stürzen auf ein Feld, dass in der Nähe eines kleinen Dorfes liegt. Alle bleiben unverletzt, doch die bewaffneten Dorfbewohner wollen das Geld der Gang, es wird laut und hektisch bis ein Schuss fällt, der einen der Einheimischen tötet. Zunächst können sich unsere Protagonisten aus dem entstehenden Konflikt freikaufen, doch einige Dorfbewohner folgen den Soldaten unauffällig, eröffnen das Feuer auf sie und töten schließlich sogar Redfly.

Jetzt beginnt erneut eine eindrucksvolle Phase des Filmes. Während die verbliebenen vier Soldaten zu Beginn noch versuchen, den Leichnam ihres gefallenen Freundes und die Millionen zu transportieren, merken sie schnell, dass sie beides nicht schaffen. Sie müssen entweder etwas von dem Geld oder Redfly zurücklassen. Nun entstehen Diskussionen in der Gruppe: Während eine Seite ganz klar dafür ist, die Leiche zu der Familie zurückzubringen und ihrem Freund somit die letzte Ehre zukommen zu lassen, vertritt die andere Seite die Meinung, dass Redfly umsonst gestorben wäre, wenn sie auch nur einen Dollar an diesem Ort zurücklassen würden. Auch hier ist wieder ganz klar die größte Stärke des Filmes erkennbar: Die Figuren haben Charakter, sie haben eine Meinung, eine Identität. Sie sind keine aalglatten Actionhelden, sondern Menschen.

Triple Frontier ist ein Spektakel, dass vor Netflix ganz ohne Frage im Kino gelaufen wäre. Aber es ist das 21. Jahrhundert und so kommt es, dass ein Film von diesem hohen Niveau mittlerweile ganz einfach auf Abruf verfügbar gemacht wird. Und das ist auch gut so. In Zeiten, in denen sich nicht mehr alle Menschen einen Kinobesuch einfach mal eben so leisten können, bietet der Streamingdienst die Möglichkeit, alle Filmliebenden auf einmal anzusprechen. Und die meisten davon werden mit Triple Frontier großen Spaß haben.

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