Meine unangefochtenen Lieblingsbücher | Die Top 3!

Als Literaturwissenschaftlerin habe ich schon unzählige Bücher gelesen. Und trotzdem gibt es sie, die Werke, zu denen ich immer wieder zurückkehre, die ich immer wieder gerne lese, weil sie für mich einfach etwas Besonderes sind.

3. Extrem laut und unglaublich nah (im Original: Extremely loud and incredibly close)


Extrem laut und unglaublich nah wurde 2005 veröffentlicht und stammt aus der Feder von Jonathan Safran Foer. Der neunjährige Oskar ist der Protagonist, er steht im Mittelpunkt der Geschichte. Er verliert seinen Vater bei den Anschlägen vom 11. September 2001. Doch er kann den Tod des Vaters nicht akzeptieren, immer wieder plagen ihn grausame Vorstellungen zu dessen letzten Sekunden. Oskar kann und will seinen Vater und alle Erlebnisse, die er mit ihm geteilt hat, nicht vergessen und so stellt er sich nicht seiner Trauer, sondern verdrängt diese. Verschlimmert wird dieses sowieso schon traumatische Erlebnisse durch den Fakt, dass der Junge unter Autismus leidet, es fällt ihm sehr schwer, seine Gefühle auszudrücken. Sein Vater war seine größte Bezugsperson und diese wurde ihm genommen. Als Oskar dann in einer Vase einen Schlüssel und einen Umschlag mit der Aufschrift Black findet, sieht er darin die Chance, sich wieder seinem Vater anzunähern – er begibt sich auf eine Art Schatzsuche und schwört sich, mit jedem Bewohner New Yorks, der den Nachnamen Black trägt, zu sprechen und das Geheimnis seines geliebten Papas zu lüften.

Foer schreibt hier nicht einfach nur einen Roman, er erzählt die Geschichte eines weltweiten Traumas durch die Augen eines kleinen Jungen, er minimiert den großen Schock im Tod des geliebten Vaters. Und das macht er beeindruckend. Nicht nur ist Extrem laut und unglaublich nah fantastisch geschrieben, auch arbeitet Foer mit interessanten Mitteln: So nutzt er neben dem geschriebenen Wort beispielsweise auch Fotografien in seinem Werk. Oskar legt ein Fotoalbum an, in dem er Bilder sammelt, die Emotionen jeglicher Art in ihm auslösen – darunter auch Bilder eines vom WTC stürzenden Mannes. In diesem Bild manifestiert sich der Schock und Horror dieses Tages – Menschen sind von Türmen gesprungen, weil sie nicht verbrennen wollten, die Flammen aus dem Gebäude unter ihnen aber immer näher kamen und sie keinen anderen Ausweg sahen, als meterweit in die Tiefe zu springen. Doch nun passiert etwas nahezu Unmögliches: Foer schafft es, aus diesen Bildern etwas Schönes, Hoffnungsvolles zu machen, denn die Naivität und Unschuld Oskars bringen ihn dazu, die Bilder in umgekehrter Reihenfolge anzuordnen. Nun stürzen die Menschen nicht mehr in den Tod, sie fliegen, sie sind Superhelden, die in den Lüften umherschweben.

Ich finde dieses Buch bis heute extrem berührend. Für mich persönlich war dieser hinterhältige Anschlag der erste Berührungspunkt mit dem offensichtlichen und gewaltigen Bösen. Es war mir unbegreiflich, was in diesem Moment eigentlich passiert ist, wieso tun Menschen so etwas, was geht in ihnen vor? Bis heute habe ich noch meine Reaktion im Kopf. Ich habe die Ereignisse zufällig in meinem Zimmer in den Nachrichten gesehen. Habe davor gesessen und nicht gewusst, was ich damit anfangen soll. Dann bin ich ins Wohnzimmer zu meinem Papa gerannt und habe ihm gesagt „Es ist etwas passiert, das ich nicht verstehe, bitte hilf mir“. Das Thema ist eines, welches mich auf unterschiedliche Art bis heute häufig begleitet – ob ich nun privat darüber nachdenke oder mich wissenschaftlich damit auseinandersetze, wie in meiner Bachelor-Arbeit mit dem Thema “Erinnern und Vergessen im Kontext des 11. September 2001“. Was Extrem laut und unglaublich nah für mich so besonders macht, ist jedoch nicht nur der Rahmen, in dem die Story spielt. Es ist außerdem das pure Talent Foers uns begreiflich zu machen, dass wir uns alle gemeinsam gegen dieses Böse stellen müssen, indem er den kleinen Jungen die ganze Welt reflektieren lässt. Er fühlt stellvertretend, was die ganze Welt gefühlt hat. Es ist berührend, lehrreich und gleichzeitig hoffnungsvoll – ohne kitschig zu sein. Mein Platz 3!


2. Stolz und Vorurteil (im Original: Pride and Prejudice)


Jane Austen schrieb diesen Roman 1813. Ich glaube, in diesem Fall muss ich keine große Inhaltsangabe machen. Dieses Buch sollte wirklich jeder gelesen haben, es ist ein absoluter Klassiker und zählt bis heute zu den am meisten gelesenen und beliebtesten Werken der Literaturwelt – und das, obwohl es bereits über 200 Jahre alt ist. Daher nur kurz: Der neureiche Junggeselle Charles Bingley umwirbt Jane, die älteste von fünf Töchtern der Familie Bennet. Darcy, ein Freund von Bingley, rät ihm von einer Heirat mit Jane ab. Nun entbrennt eine zweite Liebesgeschichte, die dem Buch auch seinen Titel gibt: Elizabeth, die zweitälteste der Schwestern, verliebt sich in Darcy, ist aber zu stolz, um seine Art zu akzeptieren. Darcy wiederum wird durch seine Vorurteile gegenüber der nicht standesgemäßen Familie Bennet davon abgehalten, sich seinen Gefühlen für Elizabeth bewusst zu werden. Es folgen zahlreiche Irrungen und Wirrungen, bis das Paar schließlich vereint ist.

Stolz und Vorurteil ist ein großer Roman und das wird er vor allem durch Jane Austen. Sie beschreibt die Figuren so lebhaft und detailreich, mit solch einer Liebe, dass es für jeden Literaturfan ein Traum ist. Am liebsten sind mir persönlich die gemeinen, ironischen Spitzen des Erzählers, der die teilweise unerträglichen Aktionen der Figuren immer passend kommentiert.

Auch heute lese ich dieses Buch noch liebend gerne und kann mich nicht nur am traumhaften Schreibstil der Autorin begeistern, sondern auch an einem ganz anderen Fakt: Wir Frauen sind schon ganz schön weit gekommen. Damit will ich nicht sagen, dass heute, im 21. Jahrhundert, alles perfekt für uns läuft, #metoo und diverse Skandale haben uns in den letzten Jahren vom Gegenteil überzeugt. Aber Leute, ganz im Ernst: Dass die Frauen in diesem Roman rechtlich nicht selbstständig agieren können und benachteiligt sind, dass ihr Ziel vor allem war, einen wohlhabenden Mann zu heiraten, um die Familie zu unterstützen und es egal war, was ihre persönlichen Wünsche sind – das entstammt nicht aus der phantasievollen Feder einer hysterischen Feministin. Das war Realität. Die zauberhafte Elizabeth gilt in dieser fiktiven Welt ganz klar als Außenseiterin, es war für Frauen nicht üblich, Heiratsanträge abzulehnen und seinen eigenen Willen zu verfolgen. Und schaut uns heute an. Wir haben uns schon viele Rechte erkämpft und Jane Austen gibt mir immer wieder die Hoffnung, dass es hier noch nicht aufhört.

 

1. Herr der Fliegen (im Original: Lord of the Flies)


Okay, durchatmen. Ich versuche nicht in pure Schwärmerei zu verfallen, sondern sachlich zu bleiben. Aber dieses Buch ist mein unangefochtener Liebling. Ich lese es mindestens drei Mal im Jahr und bin immer wieder erstaunt, wie grandios es ist.


Aber von Anfang an: Die Geschichte beginnt damit, dass eine Gruppe von Jungen (im Alter von sechs bis zwölf Jahren) auf einer einsamen Insel landet. Den Grund hierfür bekommt der Leser nicht explizit genannt, es wird jedoch angedeutet, dass die Jungen vor einem Atomkrieg evakuiert werden sollten, ihr Flugzeug dann jedoch auf dieser Insel abgestürzt ist. So weit, so unglücklich. Und dann geht es richtig los: Schnell entwickeln sich zwei Lager innerhalb der Gruppe. Eine Seite will so schnell wie möglich wieder von der Insel weg und versucht dementsprechend auch alles, damit dies gelingt (Feuer machen, nach Schiffen und Flugzeugen Ausschau halten und so weiter). Sie repräsentieren die Vernunft, das Verlangen nach Zivilisation, nach ihrem alten Leben. Ihnen gegenüber steht eine andere Gruppe von Jungen, die immer mehr die Vorzüge des Insellebens genießen. Sie lieben die Jagd, das Wilde, das Ungezähmte, welches sich erst jetzt, abseits von Regeln und Vorschriften vollständig entfalten kann. Ein gewaltiger und gewalttätiger Konflikt zwischen diesen beiden Gruppen entsteht – ich will nicht zu viel verraten für alle, die das Buch noch nicht gelesen haben, aber es kommt zu Mord & Totschlag.

Ich liebe, liebe, LIEBE diese Geschichte. Wieso? Golding hat dieses Meisterwerk von vorne bis hinten bis ins allerletzte Detail durchdacht. Mit jeder Seite merkt man die Entwicklung der Jungen, ist als Leser immer neugieriger und erschrockener ob der Handlungen der Figuren. Natürlich geht es um das alte Thema der angeborenen Gewaltbereitschaft des Menschen, doch wie der Autor die Entwicklung von zivilisierten, netten Jungen hin zu Monstern umsetzt, ist schlicht faszinierend. Ein Beispiel: Kurz nach der Notlandung finden wir uns als Zuschauer in einer beeindruckenden Szene wider. Roger, ein Junge der sich später der “wilden Seite“ anschließen wird, beobachtet aus dem Wald heraus einen anderen Jungen und bewirft ihn, aus Spaß, mit Steinen – als er plötzlich inne hält und sich fragt, was ihn eigentlich davon abhält, nur neben den anderen Jungen zu werfen. Warum zielt er nicht genau auf ihn? In dieser Szene sieht man eindrucksvoll die Fassade der Zivilisation mitsamt all ihren Regeln und Normen bröckeln. Die Jungen merken nach und nach, dass niemand mehr da ist, der sie kontrolliert. Das Recht des Stärkeren ist angebrochen.

Solche kleinen, eher versteckten Hinweise finden sich in Herr der Fliegen wie Sand am Meer. Es ist fast unmöglich, alle Metaphern und Bedeutungen Goldings herauszufinden, so durchdacht und durchkonzipiert ist dieses perfekte Buch. Ich habe beispielsweise erst nach dem 3. oder 4. Lesen (also im Alter von ungefähr 14 Jahren) bemerkt, dass der Handlungsort einer einsamen Insel, die Verwendung der Gattung der Robinsonade also, nicht unbedacht war, sondern als Vergleich zwischen Inselwelt und Restwelt dient. Denn nicht nur auf der Insel bricht absolutes Chaos aus, auch die Welt, aus der die Jungen eigentlich befreit werden sollten, befindet sich im Krieg. Die Zerstörung ist überall.

Ich könnte hier noch ewig weitermachen, in meiner Masterarbeit habe ich bereits bewiesen, dass ich aberdutzende Seiten über diesen Roman schreiben kann, aber es sei so viel gesagt: Es gibt wenige Bücher, die einen so ins Herz treffen und nachdenklich werden lassen wie dieses. Meine unbestrittene Nummer 1. Und das wird sich auch nie ändern.

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